Di
07
Okt
2008
In den vergangenen Wochen hat sich in Deutschland die Diskussion um den neuen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst „weltwärts" intensiviert. Es wurde eine Reihe von kritischen Stimmen laut und einige renommierte Blätter wie die Süddeutsche Zeitung, Zeit, taz und FAZ meldeten sich mehr oder minder lautstark zu Wort. Parallel dazu finden sich im Internet zahlreiche kritische Stellungnahmen von Organisationen und Personen, die in der Entwicklungspolitik aktiv sind, sowie lebhafte Diskussionen in Foren und Leserkommentaren.
Ginge es nach den lautesten dieser Stimmen, wären alle jungen Menschen, die in den letzten Monaten aufgebrochen sind, um sich in einem Sozial- oder Umweltprojekt zu engagieren, ausnahmslos unqualifizierte und inkompetente, nutzlose und verkappte Entwicklungshelfer, karrieregeile, pragmatische Opportunisten, naive und unideologische Gutmenschen, die unpolitisch und unentschieden durch die Welt wuseln und sich mit Steuergeldern des Bundes auf Abenteuerurlaub begeben, um ihren Lebenslauf zu stylen, sich als Elite zu beweisen, sich eine bürgerliche Karriere aufzubauen.
Zuerst wetterte die Süddeutsche Zeitung Anfang Mai 2008 gegen das neue Freiwilligenprogramm, denunzierte es als „Egotrip ins Elend" und beleuchtete einseitig Fälle von Freiwilligen, die am „Mutter-Theresa-Syndrom" litten, „glorifizierte Backpacker-Trips" genössen und aufgrund von Sex und Drogen in ihrer Arbeitsstelle „zu nichts zu gebrauchen" seien.
Dieser Nörgelei schlossen sich weitere Artikel in anderen Blättern an, die sich alle ähnlich lesen.
Bemerkenswert, weil typisch, ist folgender Leserbrief von Volker Seitz auf ZeitOnline zu dem Artikel "Die neuen Internationalisten" von R. Nowotny.
„Wenn den Ländern z.B. in Afrika wirklich geholfen werden soll, dann wären die staatlichen Millionen besser in Bildung, vor allem Grundbildung und Kleinkrediten angelegt. Jugendlichen mit dem
Weltwärts-Programm einen Abenteuerurlaub zu finanzieren mag innenpolitisch gewünscht sein, hat aber mit Entwicklungshilfe nichts zu tun. Zumal die meisten Entwicklungsländer in Afrika nicht
gefragt wurden, ob sie diese Art Hilfe überhaupt wünschen. Die Egotrips ins Elend richten zwar nicht viel Schaden an, aber sie dienen auch nicht den Menschen in Afrika, denen sie doch helfen
wollen. [...]"
Leider verfehlt dieser Kommentar - wie so viele - das Thema völlig.
Was bei den Freiwilligen angekommen ist, hat die Kritiker offensichtlich noch nicht erreicht. Weltwärts-Freiwillige sind keine Entwicklungshelfer. Sie können ausgebildete Entwicklungshelfer nicht
ersetzen und haben auch nicht den Anspruch, mit Problemlösungen aufzuwarten. Der Anspruch, der bei diesem Programm im Vordergrund steht, ist kein kleinerer oder größerer; er ist ein
anderer:
weltwärts-Freiwillige sind Völkerverständiger. Sie lernen global und lehren global, sie sind internationaler Austausch und Bereicherung. Sie stehen für Achtung, für Toleranz, für Verständigung.
Freiwillige schaffen Anreize und erweitern die Wahrnehmung der Personen, auf die sie treffen. Wieso denkt ein 13-jähriger Brasilianer, der noch nie mehr als fünfzig Kilometer von seinem Heimatort
entfernt war, am Abend darüber nach, ob es in Deutschland Bananen gibt? Und wieso interessiert er sich für das deutsche Geld - und will erfahren warum ein ganzer Kontinent mit den gleichen Münzen
und Scheinen bezahlt? Warum sind Schüler daran interessiert, Deutsch und Englisch zu lernen und warum setzen sie vielleicht alles daran, ein Jahr in Deutschland zu leben und dort selbst
Erfahrungen zu sammeln?
Dieser interkulturelle Kontakt ist Bildung. Er ist ein Baustein,
manchmal kleiner, manchmal größer, und leistet etwas, was Mikrokredite nicht können. Dieser interkulturelle Kontakt ist menschlich und er ist Zukunft. Er eröffnet neue Welten und schafft globales
Bewusstsein. Interkultureller Kontakt lässt verstehen.
Die berechtigtste Kritik am weltwärts-Programm, die auch von Seiten Freiwilliger unterstützt wird, ist das Fehlen eines Reverse-Programms, also die Einladung ausländischer junger Menschen nach Deutschland. Welches Land den Gast aufnimmt macht für den kulturellen Austausch kaum einen Unterschied. Allerdings ist diese Kritik an weltwärts nur eine halbherzige. Schließlich schmälert das Fehlen eines Austausches nicht die Wirkung der einseitigen Entsendung.
Die Deutsch-Tansanische Partnerschaft weißt in einer Stellungnahme zu Recht auch darauf hin, dass die Kompetenzen der Freiwilligen nicht unterschätzt werden dürfen. Jeder einzelne Freiwillige durchläuft eine lange Phase von Bewerbung und Auswahl und hat nur dann die Chance, sich im Ausland zu engagieren, wenn er Qualifikationen mitbringt und in der Lage ist, dem eigenen Projekt etwas zu geben. Junge Freiwillige sind offen im Umgang mit der neuen Kultur und können Einblicke erhalten, die professionellen Entwicklungshelfern vielleicht so nicht möglich sind. Freiwillige sind authentisch - im Gastland und in der Bildungsarbeit in Deutschland.
Ein Leserkommentar auf ZeitOnline bringt das Gefühl vieler Jugendlicher auf den Punkt: „Wir leisten uns hier eine Gesellschaft, in der wir das Feld für Aktivitäten zementieren für Leute mit
Grundstudium, Aufbaustudium, Zusatzstudium und wundern uns dann, was für eine Freude es auslöst, wenn man mal ganz ohne Zertifikat einfach helfen kann[...]?"
Der Tagesspiegel hingegen stellt fest: „Ob die 70 Millionen Euro gut angelegt sind, darf [...] bezweifelt werden."
Die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Finanzierung solcher Programme ist scheinbar naheliegend, können doch die Freiwilligen keine vollwertige Entwicklungsarbeit leisten. In vielen ähnlichen Artikeln wird gefordert, die finanziellen Mittel nicht für die Jugend, sondern für direkte Finanzspritzen in Entwicklungsländer aufzuwenden.
Vor gut einem Monat veröffentlichte unter anderem der Entwicklungsexperte Rupert Neudeck den „Bonner Aufruf für eine andere Entwicklungspolitik". Obwohl der Bonner Aufruf teilweise scharf kritisiert wird, ist folgende Aussage dennoch nicht anzuzweifeln: „Die Gleichung ‚mehr Geld = mehr Entwicklung‘ geht nicht auf. Dennoch beherrscht sie bis heute die Entwicklungspolitik. Geld hat der Entwicklung häufig sogar geschadet, weil Eigeninitiative gelähmt wurde." Vergleicht man dies mit einer Aussage des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wird deutlich, dass der einfache Ruf nach neuerlicher Umverteilung der weltwärts-Finanzmittel so noch keine Problemlösung darstellt: "Heute werden weltweit 10mal mehr Finanzmittel für Rüstung und Militär ausgegeben als für den Kampf gegen Armut, Hunger und Kindersterblichkeit. Das ist der eigentliche Skandal unserer Zeit."
Gelder sind in dem weltwärts-Programm in jedem Fall vergleichsweise sinnvoll angelegt. Es liegt die Frage nahe, warum kritische Stimmen hier so massiv gegen Neues zu Felde ziehen, anstatt sich
grundlegender, schon länger existierender Probleme anzunehmen. Anstatt die Finanzierung
eines zukunftsorientierten Programms wie weltwärts zu hinterfragen, wären zunächst Altlasten zu beseitigen. Ist es vertretbar, unzählige Sühnemonumente aus Beton in Berlin aus dem Boden zu stampfen, wenn im gleichen Moment ein
Kind stirbt, weil es keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und ausreichender medizinischer Versorgung hat?
TAZ-Redakteurin Dribbusch meint die treibenden Kräfte hinter der Motivation junger Menschen, sich im Ausland zu engagieren, erkannt zu haben. Sie nennt es den „Wunsch nach dem gestylten Leben".
Es finden sich viele Stimmen, die davon ausgehen, dass engagierte Jugend nur existiert, weil sich durch Glanzpunkte im Lebenslauf Karrierechancen vergrößern ließen. Könnten die Autoren dieser Artikel etwas weiter über den Tellerrand schauen, wären sie fähig zu erkennen, dass nicht hinter jeder Motivation rein kapitalistisches Denken steht.
Freiwillige müssen sich gegen die Behauptung wehren, sie tauschten ihre Lebenszeit in Kapital ein.
Frau Dribbusch scheint den Unterschied zwischen Karrierechancen und Lebenserfahrung nicht zu erkennen und unterstellt dadurch jedem jungen Freiwilligen immense Eitelkeit. Jeder Freiwillige wird stolz sein auf seine Erfahrungen und Fähigkeiten - aber nicht jeder muss sich in den Mantel der Eitelkeit hüllen und nur an einem beeindruckenden Lebenslauf basteln. Freiwilligen wird neuerdings gerne Pragmatismus und Wertefreiheit unterstellt. Doch welche Werte liegen solchen fehlgeschlagenen Analysen der Jugend zu Grunde?
Wenn als Nebeneffekt eine Anerkennung eines Freiwilligendienstes durch potentielle Arbeitgeber oder Menschen im persönlichen Umfeld erfolgt, so zeigt dies notwendige Wertschätzung seitens der
Gesellschaft. Niemand kann ernsthaft eine altruistische Selbstaufopferung von jungen Menschen fordern und den Wert eines solchen Freiwilligenprogramms daran messen, wie sehr sich ein junger
Mensch selbst dabei aufgibt.
Es ist für junge Menschen nicht einfach ihren Platz in einer Welt zu finden, die so eng zusammen gerückt ist wie noch nie zuvor und trotzdem immense Ungleichheiten aufweist. Gleichzeitig hat eine Generation aber verstanden, dass die Zukunft nur eine globale sein kann und handelt in dieser Richtung. Wer ist da der Redakteur, der jungen Menschen prinzipiell Prinzipienlosigkeit vorwirft?
Der Stern fragt in Heft 38/2008 „Ist die Welt noch zu retten? Sind Glaube, Liebe und Hoffnung, Solidarität und Mitgefühl etwa nur Phrasen, die für Sonntagsreden taugen?". Hätte Rudolf Nowotny, Redakteur der „Zeit", recht, würde sich wohl kaum ein „unideologischer" und „prinzipienloser" Freiwilliger solchen Gedanken widmen - schließlich sind Freiwillige auf ihren Egotrips viel zu sehr damit beschäftigt, an ihrem „gestylten Lebenslauf" zu arbeiten.
Liebe Kritiker, unsere Generation ist dafür verantwortlich, die globale Zukunft zu gestalten - auch dann noch, wenn Alt68er und Zeit-Redakteure schon lange nicht mehr unter uns sind.
Liebe Kritiker, es ist an der Zeit, dass junge Menschen Unterstützung erfahren.